Diabetes-Stufenschema: Die Diagnose entsteht im Labor, aber die Stoffwechselstörung entwickelt sich lange vorher.
Die meisten Menschen glauben, Typ-2-Diabetes beginnt an dem Tag, an dem der Arzt sagt:
„Ihr Blutzucker ist zu hoch.“
Diabetes beginnt häufig „blind“ und entwickelt sich dann je nach Lebensstil-Maßnahmen und Medikation weiter:
Die einzelnen Phasen gehen fließend ineinander über. Deshalb lässt sich nicht immer genau sagen, wann eine Phase endet und die nächste beginnt.

Stufenschema Diabetes erklärt
Phase 1 – Die ersten Signale werden überhört
Stell dir deinen Körper wie ein Unternehmen vor.
Die Bauchspeicheldrüse ist der fleißige Mitarbeiter, der dafür sorgt, dass jede Körperzelle genügend Energie erhält. Nach jeder Mahlzeit produziert sie Insulin. Dieses Hormon gibt den Körperzellen das Signal, Glukose aus dem Blut aufzunehmen.
Jahrelang funktioniert dieses System nahezu perfekt.
Doch irgendwann verändert sich der Stoffwechsel. Bewegungsmangel, Übergewicht, genetische Veranlagung, chronischer Stress oder Schlafmangel können dazu beitragen, dass die Körperzellen immer schlechter auf das Signal des Insulins reagieren.
Man nennt diesen Zustand Insulinresistenz.
Das bedeutet nicht, dass überhaupt nichts mehr funktioniert.
Es bedeutet lediglich:
Die Signale werden schwächer.
Jetzt beginnt etwas, das viele Menschen nie erklärt bekommen.
Phase 2 – Die Bauchspeicheldrüse arbeitet Überstunden
Die Bauchspeicheldrüse merkt:
„Die Körperzellen hören nicht mehr richtig auf mein Insulin.“
Also tut sie das Naheliegendste.
Sie produziert mehr Insulin.
Nicht ein bisschen.
Sondern Tag für Tag etwas mehr.
Monat für Monat.
Jahr für Jahr.
Der Körper versucht mit aller Kraft, den Blutzucker trotzdem im Normalbereich zu halten.
Und tatsächlich gelingt ihm das oft erstaunlich lange.
Viele Menschen haben in dieser Phase völlig normale Blutzuckerwerte und ahnen nicht, dass ihre Bauchspeicheldrüse bereits auf Hochtouren arbeitet.
Phase 3 – Zu viel Insulin im Blut
Durch diese dauerhafte Mehrarbeit befindet sich immer mehr Insulin im Blut.
Man spricht von einer Hyperinsulinämie.
Für viele klingt das zunächst positiv.
„Dann habe ich eben mehr Insulin.“
Doch genau das ist das Problem.
Der Körper versucht nicht, stärker zu werden.
Er versucht lediglich, einen Defekt auszugleichen.
Stell dir vor, du musst jeden Tag doppelt so laut sprechen, weil dein Gegenüber dich immer schlechter hört.
Irgendwann wirst du heiser.
Genau so geht es den Betazellen.
Phase 4 – Irgendwann reicht die Kraft nicht mehr aus
Jahrelang konnte die Bauchspeicheldrüse die Insulinresistenz ausgleichen.
Doch irgendwann stößt auch sie an ihre Grenzen.
Die Betazellen schaffen es nicht mehr, genügend Insulin bereitzustellen.
Jetzt beginnt der Blutzucker anzusteigen.
Oft genau jetzt wird der Typ-2-Diabetes diagnostiziert.
Viele Betroffene denken dann:
„Mein Diabetes ist plötzlich entstanden.“
In Wirklichkeit entwickelt sich dieser Prozess häufig schon seit vielen Jahren.
Was bedeutet das für dich?
Der erhöhte Blutzucker ist nur ein Teil der Geschichte.
Deshalb reicht es aus meiner Sicht nicht aus, ausschließlich auf den Blutzucker zu schauen.
Wer verstehen möchte, warum Typ-2-Diabetes entsteht, muss auch verstehen, was bereits Jahre vorher im Stoffwechsel passiert.
Genau deshalb geht es bei Diabetes Insight nicht nur um Zahlen oder Laborwerte.
Es geht darum, die Zusammenhänge zu verstehen.
Denn wer versteht, warum etwas passiert, kann im Alltag bessere Entscheidungen treffen.
Typ-2-Diabetes beginnt meist lange vor der Diagnose. Der erhöhte Blutzucker ist häufig nicht der Anfang der Erkrankung, sondern das Zeichen dafür, dass die Bauchspeicheldrüse die Insulinresistenz nicht mehr vollständig ausgleichen kann.
Ralph A. DeFronzo – From the Triumvirate to the Ominous Octet
Das ist einer der einflussreichsten Übersichtsartikel zur Pathophysiologie des Typ-2-Diabetes. Er beschreibt,
dass Insulinresistenz und Betazellversagen die zentralen Mechanismen sind und dass die Betazellen lange
kompensieren, bevor der Blutzucker deutlich ansteigt.
(Diabetes Journals)
Christian Weyer et al. – The natural history of insulin secretory dysfunction and insulin resistance
Eine klassische Längsschnittstudie. Sie zeigt, dass Insulinresistenz und Veränderungen der Insulinsekretion
bereits vor der Diagnose bestehen und sich über Jahre entwickeln.
(PMC)
Steven E. Kahn et Kollegen – Natural history of β-cell adaptation and failure in type 2 diabetes
Ein sehr gutes Review zur Anpassung und späteren Erschöpfung der Betazellen.
(ScienceDirect)
Gastaldelli & DeFronzo – San Antonio Metabolism Study
Zeigt, dass die Betazellfunktion bereits abnimmt und sich die Insulinresistenz verschlechtert, bevor der
manifeste Diabetes entsteht.
(PubMed)
